Welch bewundernswerte Art zu Sterben
Man könnte meinen, ich sei die Meisterin darin, denn niemand kann es auch nur annähernd so wunderschön, wie ich es kann. Es zu sehen erbaut und zerstört gleichermaßen und es erscheint unmöglich, weg zu sehen. So viele Leute beschließen, zu sterben, doch niemand so auffällig still und heimlich, wie ich es tat.
Ich bin eine Magierin und ihr bewundert mein Können, applaudiert meiner grausigen Show. Eine Show die daraus besteht, wie ich vor euren Augen verschwinde, mich in Luft auflöse - sensationell.
Ich werde zur allesumschließenden Luft, die ihr atmet, werde euch beherrschen und jeden eurer Gedanken verfolgen, bis ihr euch wünscht, auch ihr könntet, was ich kann. Immer weniger von mir, Sekunde für Sekunde und ihr haltet zunächst alles für ein abgekatertes Spiel, wisst um die vermeindlichen Tricks und wartet begeistert, doch mit der Zeit werdet ihr merken, wie makaber und aufrichtig meine Show tatsächlich ist, denn ich werde verschwinden - für immer.
Welch bewundernswerte Art zu sterben, magisch und phantastisch und nichts, was ihr dagegen tun könntet, denn ich deklariere euch zu meinen Zuschauern und ich bin kein Magier, der Assistenz aus dem Publikum schätzt. Ihr lasst euch vom funkelnden Schein berauschen, den mein Feuerwerk am Himmel zaubert und seid danach zu verblendet, um die Hölle wahr zu nehmen, in die ich euch ziehe. Es tut mir leid, aber einen gewissen Eintritt kostet die Veranstaltung des Jahrtausends schon! Nirgends verschwindet es sich so schön, stirbt es sich so schön, wie hier am Ende der Welt.
Der Wecker klingelt zu laut und scheinbar ist es mir entgangen, einen anderen Klingelton zu programmieren, denn ich, die ich schon seit über einer halben Stunde wie eine Leiche neben meinem Handy liege und auf sein erlösendes Klingeln warte, empfinde sein Getöse mehr als unangebracht. Aber den Wecker zu überbieten, früher aufzustehen, das erscheint unmöglich, es passt nicht in den Plan. Ein Plan, der nirgends geschrieben steht und niemandem sinnig erscheinen würde, könnte ich ihn vollständig formulieren, denn dieser Plan widerstrebt jeglichen Normen, die sich die westliche Zivivisation auferlegt hat. Der elementarste Punkt dieses Plans ist das morgendliche Wiegen. Diese banale Angelegenheit entpuppt sich in meinem Leben als die alles entscheidende Instanz, Richter über gut und schlecht. Auch an diesem Morgen erhebe ich mich aus dem Bett, die nackten Füße freuen sich auf den, von der Fußbodenheizung angenehm erwärmten, Fliesenboden und ich erhebe mich, leicht wankend, aus meinem Bett und laufe in Richtung des Badezimmers. Würde man nur meinen Gang betrachten, könnte man auch denken, ich sei auf dem Weg vor Gericht, unschuldig des Mordes angeklagt, jedoch ohne Chancen, den Prozess zu gewinnen, denn für mich gibt es tatsächlich nichts zu gewinnen. Einen Moment lang starrt man die Waage an, eine schlichte Glasplatte mit Metallgestell, bevor man noch einmal auf Toilette geht und hofft, dass man dadurch noch soviel wie möglich an Gewicht verlieren kann, die Hoffnung stirbt zuletzt. Danach alles ausziehen, nicht einmal Unterwäsche kann man tragen - wer weiß schon, ob nicht die 50g des Höschens die entscheidenden 50g sind, die mich 100g mehr wiegen lassen?
Die Waage ächzt unter dem Gewicht meines Körpers, oder zumindest kommt es mir so vor, deshalb presse ich meine Augen zusammen und nutze die Zeit, um mir noch einmal meine gestrige Nahrungsaufnahme vor Augen zu führen. Vorsichtig Trennen sich die Lider wieder voneinander und man starrt in das heimtückische Gesicht der digitalen Anzeige. Keine Veränderung, nicht mehr und auch nicht weniger. Eine Niederlage.
Alles, was mehr als das verquere Ideal in meinem Kopf ist, ist eine Niederlage. Und je mehr Gewicht ich verliere, desto niedriger sinkt mein Ideal, also ist es durchaus realistisch zu sagen, dass der Tod mein Ziel ist. Ich bin mir dessen bewusst, ich weiß, dass ich diesen Kampf gegen mich selbst nur verlieren kann, das der Tod wie ein Schatten einer Essgestörten treuster Begleiter ist und eigentlich will ich nicht sterben, aber ich kann auch nicht aufhören, zu sterben. Ich kann doch nicht das einzige aufgeben, was ich wirklich beherrsche!
Während ich mich mit einem frisch gebrühten Kaffee vor meinen Computer setze, gehen mir vergangene Worte meiner Mutter nicht aus dem Sinn. Worte, die in mir wiederhallen, als wäre ich hohl, als sei in mir nichts außer die scharfe Schneide dieser Wörter, die in einem absurden Strudel durch meine Gedanken jagen.
Einen großen Schluck zu heißen Kaffee nehmen, spüren, wie er die Spieseröhre hinunter rutscht und im Magen vergebens nach Gesellschaft sucht, denn dort ist nichts und dort wird auch erst frühstens in elf Stunden etwas sein. Mein Magen ist ein einsamer Ort.
Der Browser zeigt mir das wohlbekannte Gesicht meines Forums, ich lese mir Tagebücher durch, während mein Kaffee in meiner Hand langsam kalt wird. Intime Worte von Menschen, denen es geht wie mir, die nicht essen könnten, wenn sie wollten, die in einem Kampf gegen sich selbst gefangen sind, füllen meinen Körper und die leere in mir für einen kleinen Moment und geben mir das Gefühl von Dazugehörigkeit, welches mir den ganzen Tag über fehlen wird.
Ein Zuhause, ein einziger sicherer Punkt in meinem Leben voller Fakten, die keine sind, sondern nur in meiner kleinen Welt existieren. Beispielsweise, dass eine Nudel dafür sorgt, dass ich nicht mehr aufhören kann, zu essen, dass eine Nudel den Weltuntergang einleitet, weil Kohlenhydrate wie Katalysatoren auf den Hunger wirken. Schwachsinn und ich weiß das. Aber ich kann nicht anders, als daran zu glauben, es vereinfacht die Komplexität dieses Lebens auf eine einzige Nudel, die ich nicht essen darf. Esse ich also keine Nudeln, muss ich nicht mehr essen, als ich möchte, beginne ich nicht zu fressen, nehme ich nicht zu, habe keine Probleme, schütze die Welt vor dem Untergang.
Das Essen wird die Lösung, die ich bewältigen kann, die Lösung für mein Problem, nämlich das ich einfach zu fett bin. Dass dieser Gedanke des 'zu fett seins' einfach nur das Symptom meiner Probleme ist, das weiß ich, tief in mir auch. Aber es ist so schön einfach, anstatt meiner wahren Probleme der bösen Nudel in die Augen zu blicken und ihr überlegen zu sein. Verdammte Nudel, ich brauche dich nicht, ich bin so unendlich viel stärker als du.
...to be continued...

