Sonntag, 6. Dezember 2009

Disordered Mind.

Welch bewundernswerte Art zu Sterben


Man könnte meinen, ich sei die Meisterin darin, denn niemand kann es auch nur annähernd so wunderschön, wie ich es kann. Es zu sehen erbaut und zerstört gleichermaßen und es erscheint unmöglich, weg zu sehen. So viele Leute beschließen, zu sterben, doch niemand so auffällig still und heimlich, wie ich es tat.
Ich bin eine Magierin und ihr bewundert mein Können, applaudiert meiner grausigen Show. Eine Show die daraus besteht, wie ich vor euren Augen verschwinde, mich in Luft auflöse - sensationell.

Ich werde zur allesumschließenden Luft, die ihr atmet, werde euch beherrschen und jeden eurer Gedanken verfolgen, bis ihr euch wünscht, auch ihr könntet, was ich kann. Immer weniger von mir, Sekunde für Sekunde und ihr haltet zunächst alles für ein abgekatertes Spiel, wisst um die vermeindlichen Tricks und wartet begeistert, doch mit der Zeit werdet ihr merken, wie makaber und aufrichtig meine Show tatsächlich ist, denn ich werde verschwinden - für immer.
Welch bewundernswerte Art zu sterben, magisch und phantastisch und nichts, was ihr dagegen tun könntet, denn ich deklariere euch zu meinen Zuschauern und ich bin kein Magier, der Assistenz aus dem Publikum schätzt. Ihr lasst euch vom funkelnden Schein berauschen, den mein Feuerwerk am Himmel zaubert und seid danach zu verblendet, um die Hölle wahr zu nehmen, in die ich euch ziehe. Es tut mir leid, aber einen gewissen Eintritt kostet die Veranstaltung des Jahrtausends schon! Nirgends verschwindet es sich so schön, stirbt es sich so schön, wie hier am Ende der Welt.


Der Wecker klingelt zu laut und scheinbar ist es mir entgangen, einen anderen Klingelton zu programmieren, denn ich, die ich schon seit über einer halben Stunde wie eine Leiche neben meinem Handy liege und auf sein erlösendes Klingeln warte, empfinde sein Getöse mehr als unangebracht. Aber den Wecker zu überbieten, früher aufzustehen, das erscheint unmöglich, es passt nicht in den Plan. Ein Plan, der nirgends geschrieben steht und niemandem sinnig erscheinen würde, könnte ich ihn vollständig formulieren, denn dieser Plan widerstrebt jeglichen Normen, die sich die westliche Zivivisation auferlegt hat. Der elementarste Punkt dieses Plans ist das morgendliche Wiegen. Diese banale Angelegenheit entpuppt sich in meinem Leben als die alles entscheidende Instanz, Richter über gut und schlecht. Auch an diesem Morgen erhebe ich mich aus dem Bett, die nackten Füße freuen sich auf den, von der Fußbodenheizung angenehm erwärmten, Fliesenboden und ich erhebe mich, leicht wankend, aus meinem Bett und laufe in Richtung des Badezimmers. Würde man nur meinen Gang betrachten, könnte man auch denken, ich sei auf dem Weg vor Gericht, unschuldig des Mordes angeklagt, jedoch ohne Chancen, den Prozess zu gewinnen, denn für mich gibt es tatsächlich nichts zu gewinnen. Einen Moment lang starrt man die Waage an, eine schlichte Glasplatte mit Metallgestell, bevor man noch einmal auf Toilette geht und hofft, dass man dadurch noch soviel wie möglich an Gewicht verlieren kann, die Hoffnung stirbt zuletzt. Danach alles ausziehen, nicht einmal Unterwäsche kann man tragen - wer weiß schon, ob nicht die 50g des Höschens die entscheidenden 50g sind, die mich 100g mehr wiegen lassen?
Die Waage ächzt unter dem Gewicht meines Körpers, oder zumindest kommt es mir so vor, deshalb presse ich meine Augen zusammen und nutze die Zeit, um mir noch einmal meine gestrige Nahrungsaufnahme vor Augen zu führen. Vorsichtig Trennen sich die Lider wieder voneinander und man starrt in das heimtückische Gesicht der digitalen Anzeige. Keine Veränderung, nicht mehr und auch nicht weniger. Eine Niederlage.
Alles, was mehr als das verquere Ideal in meinem Kopf ist, ist eine Niederlage. Und je mehr Gewicht ich verliere, desto niedriger sinkt mein Ideal, also ist es durchaus realistisch zu sagen, dass der Tod mein Ziel ist. Ich bin mir dessen bewusst, ich weiß, dass ich diesen Kampf gegen mich selbst nur verlieren kann, das der Tod wie ein Schatten einer Essgestörten treuster Begleiter ist und eigentlich will ich nicht sterben, aber ich kann auch nicht aufhören, zu sterben. Ich kann doch nicht das einzige aufgeben, was ich wirklich beherrsche!
Während ich mich mit einem frisch gebrühten Kaffee vor meinen Computer setze, gehen mir vergangene Worte meiner Mutter nicht aus dem Sinn. Worte, die in mir wiederhallen, als wäre ich hohl, als sei in mir nichts außer die scharfe Schneide dieser Wörter, die in einem absurden Strudel durch meine Gedanken jagen.
Einen großen Schluck zu heißen Kaffee nehmen, spüren, wie er die Spieseröhre hinunter rutscht und im Magen vergebens nach Gesellschaft sucht, denn dort ist nichts und dort wird auch erst frühstens in elf Stunden etwas sein. Mein Magen ist ein einsamer Ort.
Der Browser zeigt mir das wohlbekannte Gesicht meines Forums, ich lese mir Tagebücher durch, während mein Kaffee in meiner Hand langsam kalt wird. Intime Worte von Menschen, denen es geht wie mir, die nicht essen könnten, wenn sie wollten, die in einem Kampf gegen sich selbst gefangen sind, füllen meinen Körper und die leere in mir für einen kleinen Moment und geben mir das Gefühl von Dazugehörigkeit, welches mir den ganzen Tag über fehlen wird.
Ein Zuhause, ein einziger sicherer Punkt in meinem Leben voller Fakten, die keine sind, sondern nur in meiner kleinen Welt existieren. Beispielsweise, dass eine Nudel dafür sorgt, dass ich nicht mehr aufhören kann, zu essen, dass eine Nudel den Weltuntergang einleitet, weil Kohlenhydrate wie Katalysatoren auf den Hunger wirken. Schwachsinn und ich weiß das. Aber ich kann nicht anders, als daran zu glauben, es vereinfacht die Komplexität dieses Lebens auf eine einzige Nudel, die ich nicht essen darf. Esse ich also keine Nudeln, muss ich nicht mehr essen, als ich möchte, beginne ich nicht zu fressen, nehme ich nicht zu, habe keine Probleme, schütze die Welt vor dem Untergang.
Das Essen wird die Lösung, die ich bewältigen kann, die Lösung für mein Problem, nämlich das ich einfach zu fett bin. Dass dieser Gedanke des 'zu fett seins' einfach nur das Symptom meiner Probleme ist, das weiß ich, tief in mir auch. Aber es ist so schön einfach, anstatt meiner wahren Probleme der bösen Nudel in die Augen zu blicken und ihr überlegen zu sein. Verdammte Nudel, ich brauche dich nicht, ich bin so unendlich viel stärker als du.

...to be continued...

Samstag, 21. November 2009

Gedanken über Essstörungen I

Iss doch einfach wieder normal!



Ja, was wäre denn, wenn man wieder normal essen würde? Dann würde sich meine Vergangenheit in Luft aufllösen, meine Probleme zu puren Freuden werden und der graue Schatten über meinem Leben verschwinden?
Wer sich wirklich einer solch augenscheinlichen Illusion hin gibt, sollte lieber seine eigene Naivität bedenken, bevor er anderen Ratschläge erteilt.

Das Essen oder besser gesagt Nicht-Essen ist ein Symptom, eine Auswirkungen einer tief verwurzelten Ursache. Nur das Symptom zu bekämpfen heilt jedoch für gewöhnlich die Krankheit nicht, im Gegenteil, kann sie sogar verschlimmern. Einem Hirntumorpatienten kann es ebenso das Leben kosten, wenn man ihm gegen seine Kopfschmerzen nur ein paar Aspirin verschreibt, dem Tumor selbst aber keinerlei Achtung schenkt, wie es für einen Essgestörten tötlich sein kann, wenn man die Therapie gegen seine Krankheit auf das Aufnehmen von Nahrung beschränkt.
Denn was bringt einen Menschen dazu, sich selbst zu foltern und zu knechten, einem Hungerstreit gegen das eigene Ich zu unterziehen? Wieviel Hass muss jemand gegen sich selbst empfinden, um sich selbst einen langsamen und erbärmlichen Tod zu verordnen?
Nicht selten müssen die Erkrankten tief graben, um eine Antwort auf diese Frage zu finden und es ist nicht vergleichbar mit dem enthusiastischen Graben nach einem verborgenen Schatz, sondern eher ein Graben aus dem, tief in der Erde versteckten, Sarg der Essstörung heraus, zurück in die Welt.
In eine Welt, vor der man sich fürchtet, an die man nur verzerrte und schmerzhafte Erinnerungen in sich trägt. Lieber verletzt man sich selbst, bevor man sich die Blöße gibt, von irgendetwas auf diesem Erdenballe verwundbar zu sein - sind Superhelden, die ihr eigenes Kryptonit anbauen.
Und wenn man vom Hungern schon so abgestumpft ist, dass man den Schmerz kaum noch wahr nimmt, bleibt immernoch das selbst induzierte Erbrechen um sich selbst zu zeigen, was man von sich und der Welt hält, denn man kotzt beiden gleichermaßen direkt vor die Füße.

Die Essstörung minimiert die große und komplizierte Welt voller Emotionen zu einem berechenbaren Konstrukt aus Kalorien, Maßen und Einheiten. Dieses Rationale kann man kontrollieren und planen, denn der biologische Körper unterliegt einigen Kausalitäten, denen er nicht entfliehen kann. Er benötigt Kalorien, Lipide, Aminiosäuren und Saccharide, um zu funktionieren und führt man ihm diese nicht oral zu, bedient er sich zwangsweise an den Depots, die er in Form von Fett angelegt hat.
Man testet seine grenzen aus, berechnet, plant und kalkuliert, immer abhängig vom ungnädigen Urteil der Waage, bis man vergessen hat, dass es eine Zeit, ein Leben vor dieser Kausalität gab.
Ein Leben in dem man nicht bei jedem Schritt nur daran dachte, dass er den Körper zwingt, noch emsiger mit seinen spärlichen Depots haus zu halten, sondern in dem man einfach so einen Luftsprung machte, vielleicht vor Freude oder Übermut.

Und dann spricht jemand diese sagenumwobenen Worte "Iss doch einfach wieder normal" und man fühlt sich noch unverstandener, als man es sowieso schon tut.
Man hat beschlossen, sich selbst zu töten, vielleicht nicht einmal wissentlich, aber was ist das verhungern denn anderes?, und manche Leute denken tatsächlich, das ESSEN wäre das Problem?

Naive Welt, die sich die Hände beim Graben nicht gerne schmutzig macht und es deshalb von Anfang an sein lässt.


Scharlachrote Grüße
Scarlet

Samstag, 17. Oktober 2009

Words to talk about Part2: Dylan Klebold.

"Die Existenz ist ein großer Korridor. Das Leben ist einer der Räume. Der Tod streicht durch die Türen und der immer existierende Antrieb ist vor allem die Neugier sich den Flur entlang zu bewegen, durch die Türen die Räume zu erforschen, den nie endenen Korridor entlang.
[...]
Ich bin ein Gott, ein Gott der Traurigkeit, verbannt in diese ewige Hölle."
(Dylan Klebold)



Ein bewegendes Zitat. Assoziationen, die zu einem wirren Studel aus Zustimmung und Unklarheiten verschwimmen, bilden im Kopf das metaphorische Bild eines Schulkorridors. Lang und leer, wie er in den Pausen die stille Dämmung, zwischen den Räumen, gefüllt mit angestrengter Lautstärke, zu sein scheint, liegt er vor dem inneren Auge.
Wenn man seine Gedanken schweifen lässt und versucht, ein Bild des Autors, der sich selbst als Gott der Traurigkeit beschreibt, zu konstruieren, erhält er eine matte und schwermütige Mimik.
Melancholisch und abwesend suchen sich seine dunklen Augen den Weg durch diese Welt und wissen nicht, was ihnen geschieht und wie sie damit umgehen sollen, wenn sie das wahre Wesen der Menschheit erblicken.
Für mich hat dieser Junge braune Haare, die ihm zu jeder Zeit ein wenig ins Gesicht fallen und die sein markantes Gesicht mit dem zusammen gekniffenen Mund umrahmen.

Das dieses imaginäre Bild von Dylan der Realität nicht allzu fern ist, erfuhr ich erst lange nachdem ich dieses Zitat das erste Mal las.

Der Wortlaut 'Gott der Traurigkeit', was er selbst in Anspruch nahm, zu sein, erscheint mir nach wie vor als etwas glorifizierdendes und erhebendes. Zwar wird die Wehmut in seinen Worten mehr als deutlich, jedoch deshalb das persönlich erlebte Leid in so weit zu dramatisieren, dass man sich selbst zum Gott dieser Emotion erhebt, erscheint mir zunächst sehr unglaubwürdig. Dylan beschreibt sein Leben und die Welt, in der er lebt als 'Hölle', was zu seiner göttlichen Assoziation seiner selbst passt, denn es drückt die absolute Abneigung aus und lässt zugleich verlauten, dass dies der letzte Platz ist, an den er gehöre. Mit ewig ist in diesem Zusammenhang höchst wahrscheinlich gemeint, dass es ihm scheint, als sei sie unendlich, jedoch könnte es auch eine Anspielung darauf sein, dass man ihr nicht entfliehen kann, selbst durch den Tod nicht.
Er als Gott ist somit in der Hölle gefangen, dem letzten Ort, an dem man Gott erwarten würde, und muss das Leid aller Anderen, sterblichen, teilen. Dies wird dem Gott der Traurigkeit nicht gerecht, er hat so viel besseres verdient und solltel, über alle Menschen erhoben, im Himmel seiner überentwickelten Existenz fröhnen.
Kein Sterblicher kann und wird jemals in der Lage sein, ihn zu verstehen oder zu übertreffen, denn er hat sich eine Stufe weiter entwickelt, besetzt die Spitze der Existenz.
Mit übernatürlichem Instinkt und Macht geboren, zieht er in den Kampf gegen all jene schwachen Existenzen, die nicht sehen wollen, was doch so offensichtlich ist.

Und er tut es nicht alleine. Einen weiteren Gott an seiner Seite zieht er aus und lebt den Fleisch gewordenen Albtraum, fröhnt seinem Hass gegen alles niedere Leben, während er als 'natural born Killer' den Globus um einige dieser wertlosen Wesen erleichtert.

~*~

Wenn man Dylans Geschichte kennt, könnte man sich vorstellen, dass seine Gedanken in etwa diesen Inhalt gehabt haben könnten, wobei man sich diesbezüglich ewiglich nur spekulativ äußern können wird. Allgemeines ungläubiges und entsetztes Kopfschütteln.
Wie konnte der Junge nur so denken, wie nur?

Ja, genau das ist die wichtige Frage und es ist so widerlich und ekelerregend, wenn man vernimmt, wie schnell die Politik diese Frage beantwortet haben will, indem sie die Schuld bei Killerspielen und Marilyn Manson sucht. Es wird nach einer einfach Lösung gesucht, die man dem dummen Volk als sinnvoll verkaufen kann, um sich wieder mit den wichtigen Dingen, wie beispielsweise dem bekämpfen anderer Religionen und Länder zu widmen.
Und ach, was sind die aggressiven und blutigen Killerspiele doch für wunderbare Schuldige, verherrlichen sie doch Gewalt und Schusswaffen und lassen einen jeden Spieler den Bezug zur Realität verlieren. Und Manson, nein nein, wie sexistisch und antichristlich seine Texte doch sind! Vulgär und exhibitionistisch räkelt er sich auf der Bühne, das kann ja nur dafür sorgen, dass Jugendliche zu Waffen greifen und ihre Mitschüler erschießen!

Dabei brachte Manson eines der abzählbaren wirklich intelligenten Zitate zu diesem Thema, denn als er von Micheal Moore gefragt wurde, was er den Kindern denn erzählt hätte, antwortete er:

"Nichts. Ich hätte ihnen zugehört. Das hat nämlich niemand gemacht."

Es ist naiv von unserer Gesellschaft, zu denken, man könne Amokläufe und Gewalttaten verhindern, indem man Killerspiele verbietet oder Mister Manson zensiert. Das ist, als würde man sich die Titelseite eines Buchs ansehen und dann zu denken, man kenne den gesamten Inhalt.
Die Thematik ist viel zu tiefgründig, um sie in einem Blogeintrag von lächerlicher Länge abzuhandeln, aber es sollte immer genügend Zeit bleiben, um darauf hin zu weisen, dass man hinter die Kulissen schauen, tiefer graben muss, als es uns die Politiker durch die Medien vorgaukeln wollen.
Mobbing, Rassismus, Statusrivalitäten, Klassengesellschaftsdenken und Ziellosigkeit bestimmen die Menschen nach wie vor. 'Cool' ist, wer die perfekten Maße und das nötige Kleingeld hat, wer die besten Geschichten über das Leben der anderen kennt, ist auch überall gerne gesehen, denn nichts ist ein eifriger betriebener Volkssport, als das Lästern über Mitmenschen.
Um Abneigung gegenüber anderen auszudrücken, ist Gewalt eine gerne gesehene Methode, sei es nun psychischer oder physischer Art.
Solche Missstände sollten betrachtet und verändert werden, aber der Aufwand und die Kosten schrecken ab - lieber schiebt man etwas kostengünstiges und profanes vor, in diesem Fall die lieben Killerspiele.

Was würde Dylan wohl denken, könnte er die Auswirkungen seiner Tat bewerten?

Scharlachrote Grüße,
Scarlet

Dienstag, 15. September 2009

Gedankenfluss

Wie ein Schmetterling im Wind, so werden meine Gedanken hin und her geworfen, scheinen kein Ziel zu verfolgen, sondern treiben nur im Strom des Lebens und stehen entscheidungslos vor dem endlichen Angebot der Thematiken. Natürlich sind sie endlich, für mich unzählbar bleiben sie dennoch.

Langsam kreist sich der Geier meiner mentalen Welt über dem doylischen Lieblingsthema ein, dem Mord. Wieder einmal stellt sich mir die Frage, ob geistiger Mord nicht ebenso geahndet werden sollte, wie es der physikalische bereits wird. Doch sofort kommen hier Problematiken auf, deren Antwort sich nicht sofort finden lässt.
Woran misst man, wie verletzt eine Psyche, eine Seele ist? Welche Indikatoren gibt es, die die Vulnerabilität eines Geistes aufzeigen? Besitzt jeder Mensch das gleiche Potenzial für psychische Verletzungen oder ist es, wie beim physischen Körper ebenfalls, so, dass die Verletzlichkeit der Seele auch davon abhängt, wie gepflegt sie ist?
Kann man auch bei psychischen Erkrankungen Präventionsmaßnahmen ergreifen?
Wenn man zugelassen hat, dass die geistige Existenz einmal zerstört wurde, ist das dann irreparabel, wie beim menschlichen Körper, der nicht mehr vollkommen funktioniert, wenn er einmal für längere Zeit 'kaputt' war?

Mir wird klar, weshalb es bisher kein Strafregister für psychische Verletzungen gibt - es wäre viel zu kompliziert, das Maß der Zerstörung zu definieren, denn es gibt kein Röntgengerät, das Trauer misst und aus den Blutwerten werden weder Hass noch Verzweiflung ersichtlich.
Aber wäre es nicht ungemein wichtig, diesen Menschen, deren Seele in ihnen verottet, irgendwie zu helfen? Nicht selten wird aus einer innerlich zerfressenen Person jemand, der sein Herz in den Händen trägt und die ihm angetane psychische Gewalt in physischer Gewalt kompensiert.

Was sind wir für eine Gesellschaft, wenn man blutlos ungestraft wüten und morden darf? Nein, das ist die falsche Frage.
Was sind wir für eine Gesellschaft, wenn man blutlos wüten und morden muss; wenn es der Majorität einfach nicht möglich ist, Konflikte ohne Gewalt, sei sie physischer oder psychischer Natur, zu lösen? Kann der Mensch nicht glücklich sein, wenn er niemanden gewaltvoll unterdrückt, wenn er nicht verletzt?
Faustkämpfe und das Wild West Revolverduell sind aus der Mode gekommen, ist ja auch einfach nicht human, wenn man jemanden schlägt oder gar tötet, nur, weil man Differenzen hat! Beleidigen wir uns lieber, zerbomben uns mit gezielten Abwürfen in Kriesengebieten gegenseitig das Selbstbewusstsein und schüren mit Sondereinsatzkomandos aus Buchstaben den Hass, bis wir über unseren mentalen Friedhof laufen können und die eigenen Gedanken in dieser bizarren Leere wider hallen.

So drehen die verlorenen Seelen Runde um Runde in ihrerm grauen Universum, lassen ihre vom Sinn befreiten Gedanken über den Überresten ihrer mentalen Selbst kreisen und verlieren sich in emotionslosen Gefühlen ohne Bezug zur Realität.

Als ob man eine Packung Mon Cherié geschenkt bekommt und fest stellt, dass die Füllung, die erwartete Kirsche fehlt, und man zwar die äußerliche Perfektion vor sich hat, aber genau weiß, das man auch nicht mehr erwarten kann, als das, was man sieht.
Gehaltloser Totenacker.

Mein (sinnfreies) Wort zum Dienstag.

Scharlachrote Grüße,
Scarlet

Samstag, 25. Juli 2009

Words to talk about Part1: Konfuzius

Was du liebst, lass frei. Kommt es zurück, gehört es dir - für immer.
Konfuzius


So weise diese Worte auch klingen, umso schwerer ist es, ihnen nach zu kommen.

Zunächst einmal möchte ich mich für die Versäumnis des gestrigen Eventes entschuldigen und es wieder gut machen, indem ich es heute nachhole. Eventuell nicht so intensiv, wie es gestern der Fall gewesen wäre, dennoch bemühe ich mich um ein anständiges Maß - Beschwerden nehme ich dennoch reumütig an. ;D

Zurück zum Thema.
Natürlich hat Konfuzius schon damals weise Worte gesprochen, als er meinte, man solle jemand Geliebten nicht mit unnötiger Kraft fest halten, denn falls es der Fall sein sollte, dass er diese Liebe erwidert, würde er schon von alleine zurück finden und dann auch niemals mehr gehen.
Aber wir alle wissen, wie unglaublich schwer es manchmal fallen kann, an einem Gefühl nicht fest zu halten, es los zu lassen. In einigen Momenten scheint es gar unmöglich, sich der magnetischen Anziehungskraft des Anderen zu entziehen und obgleich wir wissen, das es reiner Masochismus ist, der uns zum Anderen treibt, können wir nicht widerstehen.
Wir hängen an längst vergangenen Gefühlen und Erinnerungen, wissen nichts mit unserer emotionalen Leere anzufangen, außer dem Verflossenen hinterher zu trauern.
Aber tief im Herzen und im Bewusstsein ist uns bewusst, dass wir nichts weiter tun können, als darauf zu vertrauen, dass die wahre Liebe zurück kehrt.
Und falls, das alles überhaupt irgendwann einmal etwas mit Liebe zutun gehabt haben sollte, wird der Andere, da ich Liebe nicht für etwas endliches halte, irgendwann auch wieder zurück kehren.
Wenn dies nicht der Fall sein sollte, bezweifle ich stark, dass es wirklich Liebe gewesen sein wird, die einen zueinander führte, eher der Drang und der innige Wunsch, nicht länger alleine sein zu müssen, eventuell auch die körperliche Anziehungskraft.

Auch wenn es längst nicht so kitischig und romantisch ist, wie es klingt, für mich ist Liebe nach wie vor ein starkes Wort, welches leider häufig für absoluten nonsens missbraucht wird.
'Ich liebe dich', Worte, die nur für die wenigsten Ohren bestimmt sind, werden um sich geschleudert, als würde man einen Verlust erziehlen, entfremde man sie nicht.

So weit.
Scharlachrote Grüße,
Scarlet

Mittwoch, 22. Juli 2009

Songs to talk about Part1: There is a light that never goes out

Wind fährt durch die Haare und man fährt durch die belebten Straßen einer größeren Stadt. Als Beifahrer genießt man den Abend, verschwommene Lichter in allen Farben tanzen vor dem sich verdunkelnden Himmel und es riecht nach der unendlichen Weite eines scheinbar unendlichen Abends.
Man fühlt sich in diesem Auto so geborgen, dass man sich wünscht, es würde niemals anhalten, weiter fahren bis in alle Ewigkeit, der Moment verliert die Bedeutung und es fühlt sich an, als wäre man in einem, sich heimisch anfühlenden, warmen Sog ohne Zeit und Raum, man fühlt sich, als sei dieser Auto, dieser Sitzplatz genau der Platz, an den man gehört.
Denn ein Zuhause hat man nicht mehr, der Ort, den man lange so geschimpft hat, verdient diesen Namen nicht mehr, denn es gibt dort niemanden mehr, der einen noch brauchen würde.
Man fährt in diesem Auto, neben dieser Person, die einem so unendlich wichtig ist, flieht vor dem Zuhause, welches keines ist, weil niemand auf einen wartet.
Fährt, egal wo hin, einfach nur in diesem Auto bleiben, neben dieser Person und das Leben sehen, es atmen und in sich aufsaugen, weil es nicht mehr unser, sondern nur noch deren Heim ist, in dem man nicht mehr erwünscht ist.
Egal wohin, es ist so unglaublich egal, nur nicht nach Hause, einfach niemals mehr anhalten.
Heimatlos wie man selbst streifen die Gedanken durch die immer näher kommende Nacht und man weiß, dass es das größte Privileg wäre, jetzt mit dieser Person gemeinsam sterben zu dürfen, mit ihr in die Unendlichkeit zu fahren, niemals mehr dort hin zurück kehren müssen, wo man nicht gewollt ist. Man will das Licht sehen, unendlich viel Licht, ein Licht, welches niemals erlischt. Es wäre die schönste Art zu Sterben, die man sich vorstellen kann, jetzt neben diesem Menschen sitzend von einem Zehntonner überrollt zu werden.
Man würde diesem wundervollen Wesen so gerne sagen, was in einem vorgeht, ihm alles sagen, keines dieser ungestümen Worte, alle voller Leidenschaft und Zuneigung, in diesem Kopf gefangen lassen, aber man kann es einfach nicht, kein Vertrauen in sich selbst und auch wenn es der einzig richtige, ja der ideale Moment zu sein scheint, man kann einfach nicht fragen.
Nicht fragen, ob er nicht für immer weiter fahren möchte, gemeinsam dieses Licht finden, welches niemals erlischt.
Auf der Suche nach dem niemals erlischenden Licht, welches für einen Ort steht, an welchem man dazu gehört, nicht überflüssig und unerwünscht ist, fährt man zeitlos durch die tief schwarze Nacht und ertränkt alle Ängste in der Hoffnung, dass man niemals 'Zuhause' abgesetzt wird...

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Wenn ich das Lied 'There is a light that never goes out' der 1982 gegründeten britischen Band The Smith höre, dann ist genau das die Geschichte, die in meinem Kopf abläuft, als wäre er ein großes Real-Leaf Kino, genau das die Emotionen, die dieser Song in mir auslöst und in denen ich mich sehr häufig wieder finde und ab und an wehmütig versinke.
Ich beneide die unter uns, auf diesem Erdenball wandelnden, die niemals das Gefühl hatten, in ihrem 'Zuhause', in ihrer Familie nicht mehr gewünscht zu sein.
Dieses Gefühl, als wäre man ein heimatloser Weltenwanderer ohne Ziel und Herkunft, ein Wesen ohne Berechtigung zur Existenz kenne ich ziemlich gut und ich gehe mal davon aus, dass es doch einigen ein Begriff sein sollte, wenn auch in unterschiedlicher Intensität und Wahrnehmung.
Manchmal ist ein banaler Streit der Auslöser, schnelle Worte, die mehr ausdrücken, als sie tragen können, aber vielleicht sogar völlig anders gemeint waren, dass man sich ausgestoßen fühlt und denkt, man könne nie mehr an diesen Ort zurück kehren, da es nur noch 'deren' Zuhause ist, nicht mehr das eigene.
Lieber Sterben, nicht mehr sein, denkt man sich, denn innerlich ist man, zwischen all der Wut und den wirren Worten, so unglaublich verzweifelt und einsam, dass der Tod so viel angenehmer erscheint, als es die augenblickliche Realität.
Man befindet sich im Fall, denn alles, auf was man sein bisheriges Leben stützte, quasi das gesamte Fundament scheint sich in Luft aufgelöst zu haben.
Gerade in solche Situationen suchen wir krampfhaft nach einem neuen Halt, einer neuen Grundlage, einer Sicherheit.
Man stürzt sich, wie in diesem Song angedeutet, in eine unaussprechliche Liebe, aber auch eine Sucht kann eine solche vermeindlich sichere Lösung darstellen.

Meistens entpuppt sich diese Gefühl der Heimatlosigkeit als ein Irrtum, eine impulsive Überreaktion auf eine Auseinandersetzung oder einen unklaren Wortwechsel, aber es gibt auch jene, die nie mehr das Glück haben, sich in einer Familie heimisch nennen zu dürfen.

Take me out tonight
Because I want to see people and i
Want to see life
Driving in your car
Oh, please dont drop me home
Because its not my home, its their
Home, and Im welcome no more

And if a double-decker bus
Crashes into us
To die by your side
Is such a heavenly way to die
And if a ten-ton truck
Kills the both of us
To die by your side
Well, the pleasure - the privilege is mine


The Smith - There is a light that never goes out






Scharlachrote Grüße,
Scarlet.

Dienstag, 21. Juli 2009

Chroniken einer sterbenen Beziehung.

Er liegt neben ihr und weiß genau, dass er lügt, wenn er sie küsst.
Dadurch lässt er die heile Welt, die sie so sehr braucht, für ein paar Stunden längern existieren, scheinbar. Er liebt sie nicht. Aber verletzen, verletzen will er sie auch nicht, denn sie ist ein guter Mensch. Was auch immer nun gut bedeuten mag und wie auch immer man Mensch definieren mag.
Es war einmal so besonders, der Raum zwischen ihren Gedanken, die unendliche Weite zwischen zwei Atemzügen, die beide so eng verband, sodass sie dachten, es sei ein einziger, gemeinsamer Lufthauch.
Alles was blieb, war die Gewissheit, dass es keinen Sinn mehr hatte.

Sie wusste schon lange, das sein Gewissen sie küsste, nicht sein Herz.
Doch wenn sie seinen Puls durch die warme Haut hindurch fühlte, konnte sie einfach nicht loslassen, konnte diese Demütigung nicht zurückweisen, sondern musste den Moment halten, als sei es ihr letzter.
Erst wenn er schlief und sie ihn betrachtete, als sei er ein Portrait, dessen Wert ihr Auftrag war zu schätzen, fühlte sie die Grube, die seine vorgetäuschte Liebe ihn ihr aushob.
So genau wusste sie, dass diese Grube niemals mehr gefüllt werden konnte, denn er nahm alles mit sich, höhlte sie aus, wie die Welle den Fels.
Alles was blieb, war die Gewissheit, dass es keinen Sinn mehr hatte.

Beide warten auf die erlösenden Worte des Anderen:
"Ich brauch' dich nicht mehr".


Liebe ist wie eine Brücke. Man verwendet sie, um sich selbst über Tiefpunkte hinweg zu trösten und den weiteren Weg zu finden. Sie ist bringt niemals einen Gewinn oder Verlust, im Endeffekt bleibt alles bei Null.
Die Freiheit, die der Eine nach Beendung der Beziehung gewinnt, verbucht der Andere als Schmerz. Während der eine ruhig, eventuell sogar in den Armen eines neuen schlafen kann, liegt der Andere wach.
Im Gesamten bleibt es bei Null.
Der Breakeven Point, der Punkt, an dem sich Gewinn und Verlust präzise ausgleichen.

Wieso dann das alles?
Der Brücken wegen. Immer auf der Suche nach der idealistischen Vollkommnung des Geistes, indem wir uns mit einem anderen menschlichen Wesen mental symbiotisch verbinden.
Symbiotisch verbinden?
Menschen sind so naiv. Das Leben ist kein Puzzle, bei dem ein Teil exakt ein passendes Bindeglied besitzt und wir keine Enzyme für die nur ein einziges entsprechendes Substrat vorhanden ist. Viel eher sind wir vergleichbar mit einem Haufen Kiesel, die je nachdem, wie man uns vermengt, einigermaßen akzeptable Lücken hinterlassen, quasi Freiraum, den wir in Kauf nehmen.
Diese Lücken stehen metaphorisch für die unterschiedlichen Weltsichten und Charakterzüge und da ich Menschen für weitesgehend unmodelierbar halte, sind diese Lücken nahezu unveränderbar und somit unschließbar.

Sich 'ideal zu ergänzen' ist also reine Utopie.
Scheitert eine Beziehung, waren die Lücken einfach unüberwindbar, was aber nicht heißt, dass man nicht dennoch soviel gemein haben kann, dass ein Leben ohne einander an Qualität verliert.

Soviel heute.
Scharlachrote Grüße,
Scarlet

Sonntag, 19. Juli 2009

People to talk about Part1: Welle:Erdball

Im Jahre 1928 schrieb Fritz Walther Bischoff eines der ersten Radiohörspiele für einen breslauer Radiosender mit dem Titel 'Hallo! Hier Welle Erdball!'.
62 Jahre später wird in Stadthagen nahe Hannover eine Band gegründet, die als vollwertiges Mitglied ihrer Band einen Comodore64 zählt, und die sich zunächst Projekt Honigmond nennt.
Nicht lange später bennenen sich die Gründer Honey und A.L.F. in Feindsender 64.3 um und nicht einmal drei Jahre später erfolgte die entgültige Benennung in Welle:Erdball, benannt nach dem legendären Hörspiel von F.W. Bischoff.

In denen, als Überleitung verwendeten Gedichten in Bischoffs Hörspiel findet man folgende Verse:

"Es geht nicht um Himmel, Hölle und Ewigkeit,
Aber Euch, die Ihr hört, geht es an
[...]
Empfangen Sie bitte das Ganze wie einen Zeitungsbericht.
wählen Sie aus, was Ihnen am besten gefällt.

Der Erdball meldet sich! Symphonie der Welt!
"


Auch in den Texten von Welle:Erdball findet man viele sozialkritische, postapokalyptische und technische Themen. Nicht selten wird die menschliche Leichtgläubigkeit (siehe 'Contergan'), legendäres aus der Welt der Technik (Comodore 64) oder beinahe aufklärerisches bezüglich Religion und Glauben (siehe 'Lieber Gott...') thematisiert.
Doch wer sind Welle:Erdball, beinahe zwanzig Jahre nach der Gründung?
Immernoch sind die Gründer Honey und A.L.F, sowie der C64 feste Bestandteile der Band, jedoch werden sie mittlerweile von den beiden weiblichen Pendants 'Plastique' (seit 2005) und 'Frl. Venus' (seit 2003) komplettiert.

Für mich sind die Menschen hinter Welle:Erdball und deren Werk deshalb relevant genug, ihnen meinen ersten Part, der Menschen, über die man reden sollte, zu widmen, weil ihre Musik, trotz der Verwendung der Töne, die uns allen aus Nintendo Games und Computern bekannt sind, niemals monoton oder langweilig wirkt. Eher gegenteilig findet sich in jedem Song eine individuelle Stimmung, geprägt durch provokante und teilweise misantrophische Texte, wider und führt, bewusst oder unbewusst, den Gedanken der Aufklärung weiter, indem es den Hörer zwingt, sich mit sich selbst und seinem Weltbild auseinander zu setzen.
Auch die, von der Band vertretene Phrase: „Beweg’ dein Gehirn! Jetzt!“ und deren Einsatz für die Erhaltung der deutschen Sprache auf einem akzeptablen Niveau sind für mich enorme Sympathieträger, nicht zuletzt sind es auch die Rhythmen, die die Wellen meiner wirren Gedankenflut ab und an mit der Ruhe des Erdballes zu synchronisieren scheinen.

Alles über Welle:Erdball und deren Musik auf ihrer Internetpräsenz:
http://www.welle-erdball.info/

Scharlachrote Grüße,
Scarlet

Donnerstag, 9. Juli 2009

Ich trink jetzt einen Becher Wein,

Das macht das Hirn von Dämpfen rein.

"Jedermann" von Hugo von Hoffmansthal


C2H6O.
Ethanol.
Alkohol.
Jedermann konsumiert ihn, so auch ich.
Für die Jugend ab zwölf, dreizehn Jahren ist es unerlässlich, ihm verfallen zu sein und selbst die ältesten Senioren haben ab und an eine Liason mit einem Schnäpschen.
Da stellt sich die Frage, ob es wirklich nur der Geschmack ist, nach dem man dürstet, oder doch die berauschende Wirkung, die uns das Gefühl gibt, wir könnten uns von allem irdischen für ein paar Stunden entsagen.
Ein paar Stündlein mal nicht passen müssen, nicht wie ein Außerirdischer fühlen, während man über diese Welt torkelt.
Ständig werden wir in Rollen gepresst, die uns scheinbar gut stehen, in Schubladen gesteckt, weil es alles vereinfacht und man sich nicht mit dem Individuum und seiner Unberechenbarkeit außeinander setzen muss. Passt mal jemand in keine der vorgefertigen Meinungsbilder hinein, wird nicht über den Sinn des Systems sinniert, sondern der Charakter so lange rationalisiert, bis er endlich eine Schublade sein eigen nennen kann. Wir versuchen jede nur möglich existierende Form durch unser Raster zu pressen und alles was hängen bleibt, ohne Beachtung aus den Gedanken gerät, sehen wir als zu akzeptierenden Abrieb, auf den man keine Rücksicht nehmen kann, weil man keine Rücksicht nehmen will.
Man erschafft durch die Schubladen auch ein eigenes Wertesystem, kategorisiert Menschen und Lebewesen in wertvoll und wertlos - ignoriert den Aspekt, dass wir einzig für unser eigenes kleines Schubladenuniversum sprechen können und versticken uns in Anfeindungen und Stellungnahme. Werden wir jedoch darauf angesprochen, dass in unserem heilen Minikosmos etwas nicht stimmig erscheint, für andere sogar unwahrscheinlich oder falsch wirkt, werfen wir unseren Humor, unsere Erziehung und jegliche fadenscheinige Toleranz über Bord und verteidigen unsere Vorurteile mit der Energie einer wütenden Raubkatze, die um ihre Junges besorgt ist.
Nein, nein! Meine Vorurteile und Klischees bekommst du nicht klein, gib' du doch deine auf! Nänänänänääänää!

Wenn man dann einer von denen ist, die den Irrsinn dieser mentalen Differenzierung erkennen und sich nicht länger der Auftrumpferei und Angeberei mit den schönsten Schubladen hingeben möchte, die Schutzschicht des Visiers, welche dafür sorgt, dass die Welt vereinfacht und farblos dargestellt wird, abzieht, wird man von der Vielfalt des Lebens regelrecht paralysiert.
All die Farben und Formen verschwimmen hinter der, für dieses Spektrum, ungeübten Netzhaut zu einem chaotischen Sog. Der bisher durch die Schubladen und Vorurteile gut ausgesperrte Weltenschmerz bricht über einen herab und begräbt einen, sodass man nichtmehr zu unterscheiden vermag, ob es Tag oder Nacht ist.
Man unterliegt dem Wahnsinn, bis man es langsam schafft, sich an diese Fülle, dieses Angebot zu gewöhnen, in gewisser Weise wieder ein wenig abzustumpfen. Manchen gelingt es nie, sie werden auf ewig einen ungeschützen Blick auf die Wahrheit, die Schönheit dieser Welt erhalten, doch welchen Preis müssen sie bezahlen? Wie oft werden sie diese Schönheit nicht ertragen können, unter dem Wissen der Ungewissheit zusammenbrechen und unendliche Schmerzen erleiden?
Niemand vermag das zu sagen.

Deshalb bremsen wir die Hektik dieser Welt mit Alkohol.
Auch die Farben sind nicht mehr so klar und pur, sondern verschwimmen zu einem angenehmen Meer aus weichen Übergängen.
Wir sind Flüchtlinge vor der Schönheit und der unerträglich schweren Leichtigkeit unserer Existenz.

Scharlachrote Grüße,
Scarlet

Montag, 6. Juli 2009

Eine Leidenschaft, die Leiden schafft...

...ist bekanntermaßen die Wissenschaft.
Wissbegierde war schon immer eine positive, angesehene Eigenschaft, ganz im Gegensatz zur Neugierde, die ja als eher verpöhnt gilt, weil man mit ihr sofort Kaffeekränzchen, Lästerein und Getratsche verbindet. Man bringt es sogleich mit privaten Details und intimen Angelegenheiten in Verbindung, die von Fremden aufgesogen werden, wie von einem Schwamm und danach in der Welt halbwahr und verdreht verstreut werden.
Dass diese höchst vertraulichen Geständnisse zumeist niemanden interessiert hätten, hätten wir sie nicht als 'höchst vertraulich' deklariert, ist uns im Unterbewusstsein sicherlich bewusst, aber wir alle wissen, dass der Mensch dazu neigt, sich selbst ziemlich wichtig zu nehmen.
So sind auch viele vom eigenen Wissensstand ungemein überzeugt und lassen keine sich bietende Situation aus, um am Besten dem gesamten Universum zu beweisen, wie gebildet und intelligent sie doch sind. Eine andere Ansicht oder Theorie wird nicht als mögliche Alternative in Betracht gezogen, sondern zum Feindbild erklärt und als persönliche Anfeindung gesehen, Konstruktivität war noch nie die Stärke unserer Gesellschaft.
Wir fliegen lieber mit Flugzeugen in Gebäude oder legen Rohrbomben, anstatt miteinander zu reden und auf sachlicher Ebene Meinungen auszutauschen.
Aufgeklärt schimpfen wir uns?
Nie waren wir unaufgeklärter.

Wie Wecker so schön sagt: "Heute hasst man modern."
In vielen Bereichen denken wir, wir würden uns kontinuierlich bessern, aber in diesem Bereich werden wir erbärmlicherweise tatsächlich immer besser.
Wir betreiben selbst in Kleinstgruppen hoch entwickelte Kriegsstrategie, wenden alle Waffen der Kunst an und erschwingen uns selbst verbal in unerahnte Höhen, nur um andere zu demütigen, zu verletzen und abzuwerten.
Die Wissenschaft ist an dieser Misere nicht völlig unschuldig, denn durch viele ihrer Erkenntnisse werden diese zwischenmenschlichen Taktiken optimiert und perfektioniert, man unterfüttert seinen sinnfreien Hass mit scheinbaren Fakten, scheinbar logischen Gründen, weshalb man diese enormen Aversionen gegen Mitmenschen hegt.
"Der hat nicht genügend rechtsdrehende Milchsäurebakterien in seinem Darm, den mag ich nicht!", hört man sie dann schreien und somit den Rest des Systems aufforden, Partei zu ergreifen.
Abstruserweise beziehen die restlichen Mitglieder der betroffenen Gesellschaft tatsächlich Stellung, obgleich sie zuvor weder über die Anzahl der in irgend einer Weise drehenden Bakterien nachdachten, noch daran interessiert waren.
Doch plötzlich scheint der Mangel an rechtsdrehenden Milchsäurebakterien elementar zu werden, ein augenscheinlich irrelevanter Aspekt rückt in den Fokus.
Und wieso das?
Wieso lassen sich Menschen vom Wesentlichen ablenken und auf belanglose kuriose Kriterien fokusieren, die vor der Hetzjagd für sie ebenso wenig interessant waren, wie die molare Masse von Brom?
Ich schätze, weil sie nichts besseres zu tun haben und außerdem ein, in jederman verborgenes, Bedürfnis dadurch gefüttert wird, nämlich das Bedürfnis danach, jemand anderen unter sich stehend zu wissen.
Man stuft andere Menschen in einer individuell erstellten Klassifizierung ab, um sich selbst von der Masse ab zu heben und somit das eigene Ego zu pushen.
Oder kurz: Der Mensch liebt es, sich erhaben zu fühlen und missbraucht die Wissenschaft um diese illusorische Überlegenheit zu erreichen.

Soviel dazu.
Viele Grüße,
Scarlet
 

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