Freitag, 14. Mai 2010

Und eine Fassade aus Glas...

...die bröckelt nie und tut sie es doch einmal, so nimmt sie sich die Freiheit sofort gänzlich zu zerspringen.
Der, der so naiv war zu denken, er könne sich hinter einer starren Fassade verstecken, das pulsierende wahnsinnige Ich von der restlichen Welt abtrennen, muss nun sehen, wie sein rohes Ich über und über mit Splittern übersäht ist. Und doch ist es nicht die vom Glas zerfetzte Oberfläche, die schmerzt und schreit, sondern das vom Fleisch umgebene Herz, welches traurig durch die dünne Scheibe der Augen in eine ach so fremde Welt blickt. Es weint ob der Enttäuschung über sich selbst, über die eigene Erbärmlichkeit und den törrichten Wunsch, jemand anderes zu sein, den es durch das feinsäuberlich bemalte Glas leben wollte.
Nie kann man sich selbst durch eine Maske verändern, man verändert und konzentriert nur den Blickwinkel, aus dem man von anderen betrachtet wird. Und wie schön auch die Konturen des Gesichts auf dem Glas erscheinen, wie sanft es den mit Makeln gespickten Körper auch zu verhüllen weiß, umso abstrakter wirkt die Reflektion des Spiegels auf den tief hinter der selbstkreierten Trennwand verborgenen Kern des Ichs. Es starrt fassungslos auf diesen Körper, der es zu beherrbergen scheint und erkennt sich nicht. Und wenn es wie neu geboren dasteht, nachdem der Glaspanzer von den feindlichen - denn alle sind potenzielle Feinde - Kanonen des Zynismus und der Ignoranz gesprengt wurde, und ohne Rücksicht auf Verluste die blutende Oberfläche abtastet, so erkennt es sich wieder nicht, denn es hatte sich ja selbst nie kennen gelernt.
Fahrige, weltfremde Hände gleiten über die Splitterwunden, reiben das Glas aus dem Fleisch und sehen das Leben scheinheilig aus dem Körper fliehen und es hört feinste Stückchen der Fassade auf dem Boden aufschlagen, ein leises Klirren nur. Und dann die Panik, gefolgt von rasender Verzweiflung. Man ist gebrochen und nackt, alleine und dem Tod viel näher als dem Leben und doch weiß man, das es zum Sterben nicht reicht. Man muss leben - das ist die einzige Gewissheit, doch die Ausführung ist unklar und alle Ideen höchstens schwammig.
Bald schon wird die Welt wieder an die Türe pochen und ein makelloses Aussehen verlangen! Wie soll man nur auf die schnelle eine neue Fassade aufbauen, wo doch das perfektionieren der alten viele Stunden gekostet hat? Die Erinnerung setzt ein, wie eine alte und überholbedürftige Maschine arbeitet sie laut und schwerfällig.
Zunächst einmal schnüre man das Ich wieder gründlich ab, mit dicken, rauen Seilen - zum reinigen und entfernen der Splitter bleibt keine Zeit und neben den entzündeten Wunden der letzten Fassadensprengung fallen die neuen kaum auf. Nun suche man sich die Ideale zusammen, die man in der Welt verkörpern möchte, schön alle nacheinander, und trage Glasschicht für Glasschicht langsam und brennend auf das rohe Fleisch auf, schleift bei Bedarf an manchen Stellen die Durchbrüche der Splitter ab und höre erst auf, wenn eine annehmbare Stabilität erzeugt worden ist.
Durchaus ist man noch mehr als dünnhäutig, ist die neue Maske doch noch nicht einmal richtig durchgetrocknet und nicht einmal halb so dick wie die bisher genutzte und oh, dann kommt die Farbe. Mit schmerzlicher Ambivalenz hat man die Farbe lieben gelernt, denn sie überdeckt das noch sichtbare abscheuliche blutige Stück unter dem glänzenden sterilen Glas.
Und dann steht man da, wie neu und wunderschön von Farbe und Gestalt, bekommt vor beklemmender Enge im Glaspanzer kaum noch Luft und wird zum ersten Mal von Gedanken darüber befallen, was wohl der Grund für das zerspringen der Fassade war.
Doch das Ich ist so gut verschnürt, dass es nicht zu Sprechen fähig ist, wieder im stillen Schrei des Verdrängens verharrend, gut gehalten vom Panzer aus Glas.
Naja, so schön Glas auch ist, das Zerspringen ist wohl die Gefahr, die man in Kauf nehmen muss, will man in einer Welt wie dieser gelten.


//Gedanken zu folgenden Worten von Stanislaw Jerzy Lec


Wieviele Masken muss ein Mensch aufsetzen,
um den Schlag ins Gesicht nicht zu spüren?



So far,
scharlachrote Grüße.

0 Kommentare:

Kommentar veröffentlichen

 

kostenloser Counter
Poker Blog

Blog Top Liste - by TopBlogs.de Blogverzeichnis - Blog Verzeichnis bloggerei.de Bloggeramt.de