Donnerstag, 1. Juli 2010

Das Glück im Herzen.

Sie lachte, laut und intensiv und unüberhörbar, wie immer. Manchmal wundere ich mich darüber, woher jemand so zierliches und kleines die Energie für ein solch konstantes Lachen her nimmt. Immer wirkt sie auf jede Gruppe, zu der sie stößt, wie die Sonne auf die Welt - alles um sie scheint zu erblühen und durch ihre innere Wärme von jeder Kälte, die der Alltag zu bieten hat, befreit.
Ich weiß nicht allzuviel über sie, erst letztes Jahr war sie an unsere Schule gekommen und hatte sich, mit ihren zuckerweißen Zähnen, die von himbeerrot glänzenden Lippen umrandet waren, im Geschichtsleistungskurs vorgestellt. Der Kurs, welcher nur einige wenige Schüler umfasste, da wir eine kleine Schule auf dem Land waren, beäugte die elegante Gestalt neugierig. Verzaubert ließ auch ich meinen Blick über ihr sanftes Gesicht und die langen mahagonifarbenen Haare gleiten und blieb an ihren blassgrauen Augen hängen, welche dezent dunkel umrandet waren.
An diesem ersten ihrer Tage an unserer Schule trug sie ein türkisfarbenes Kleid und eine lavendelfarbene Kette um ihren schmalen Hals, wenn ich daran denke, sehe ich es heute wie damals vor mir.
Vielleicht war es ihre außergewöhnliche Präsenz oder die Anmut ihrer Bewegungen, möglicherweise auch schlichtweg ihre infizierende Heiterkeit, ich kann es nicht genau sagen, aber irgendetwas sorgte dafür, dass alle wie verzaubert von ihr waren. Während sie sich in der Pause unserer kleinen Schülerrunde vorstellte, wiegte sie mit jedem neuen Satz ihren Kopf leicht in eine andere Richtung.
Wenn ich mich an all das erinnere, frage ich mich, weshalb ich ihre Fröhlichkeit und das Glück, welches ich in ihrer Gegenwart empfand, nie in Frage stellte, aber vielleicht ist die Bedingungslosigkeit, die man nahe ihr spürt auch einfach ein fester Bestandteil ihrer Persönlichkeit.
Immer, wenn wir später gemeinsam am See waren, in welchem man zwar aufgrund diverser, nicht näher definierter Verschmutzungen nicht schwimmen durfte oder wollte, an wessen mit Trauerweiden überwachsenen Ufern man jedoch gerade im Sommer mehr als gut entspannen konnte, bewunderte ich stets heimlich ihren federnden Gang. Generell beobachtete ich sie ständig und hatte, ganz im Gegensatz zu sonst, wenn ich einmal den Blick nicht von einer Frau lassen konnte, auch keinerlei Scham deshalb. Es gab einfach nichts an ihr, was mich nicht faszinierte, begonnen bei ihrem altmodischen Namen, Elisabeth, aus dem sie durch die Abkürzung Liz etwas modernes und geheimnisvolles zu machen wusste, bis zu ihrer interessanten Angewohnheit, ihre Finger beim denken stets leicht gegen ihre Lippen zu drücken. Ihre Stille im Unterricht wirkte nie teilnahmslos oder desinteressiert, sonderen sogar ein bisschen wissend und beobachtend und wenn sie sprach, gab es niemanden, der ihr nicht zuhörte.
Manchmal erzählte sie in Freistunden, die wir im Park neben der Schule verbrachten, Geschichten von Menschen, die sie getroffen hatte und die ausnahmslos schöne Erlebnisse voller Witz und Charme durchlebten, aber nie sprach sie von sich, entgegnete jede persönliche Frage mit ihrem ergreifenden Lachen und leicht zur Seite geneigtem Kopf.
Auch, als ich sie danach fragte, wieso sie immerzu so voller Glück ist, obwohl sie offensichtlich alleine lebte und nicht unbedingt reich zu sein schien, wollte sie wohl zunächst nicht antworten, sondern stürzte die Lippen und neigte den Kopf nach rechts. Aber nach einem Moment der Stille wand sie sich wieder zu mir und ihr herzliches Lachen wurde zu einem sanften Lächeln, dessen Bedeutung ich bis heute nicht zu benennen weiß, während sie leise sprach:
„Viele Menschen denken, sie hätten noch soviel Zeit, um das Glück zu finden und es zu leben. Immerzu suchen sie in der Zukunft danach“, ihre Stimme brach, während aus dem Lächeln wieder das gewohnte strahlende Lachen wurde, „Aber ich bin schwer krank und meine Zukunft somit kein weiter Ozean, in dem ich beim Fischen nach dem Glück Erfolg erwarten möchte. Ich fische lieber in der Gegenwart, auch wenn sie nur ein kleiner Bach ist.“
Sie seufzte zart.
„Alle erhoffen sich soviel vom Werden und sind enttäuscht, weil das Werden so unbezwingbar, anstrengend und manchmal unmöglich erscheint. Sie gefallen sich manchmal sogar im Vergehen, im ziellosen umher irren, weil sie sich davor fürchten, sich selbst zu kennen.
Dabei ist wahres Glück die Möglichkeit zu existieren, zu SEIN, ohne im Moment des Werdens zu vergehen.
Jeder hat Glück in sich, denn Glück ist im Herzen selbst, man kann es auch nur dort und nirgendwo sonst in der Welt finden.“


//im Rahmen eines schulischen Projekts entstanden und auch im Nachhinein nicht mehr verändert.

Scharlachrote Grüße

1 Kommentare:

  1. Ein faszinierende Mädchen, welches ich.. um ihr Herz beneide, das sie so zielsicher und offen erfassen kann-
    Genau so zielsicher, wie dein Schreiben die Gefühle von einem trifft. Immer wieder eine schöne Erfahrung, wenn ich etwas von dir lese.

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