Montag, 15. November 2010

Ein Mär vom Hochmut.

Es lebte einst ein Mädchen in einer abgelegenen Stadt. Die Bewohner dieser Stadt waren schon seit frühen Kindestagen der Dirn des Mädchens Hochmut und der daraus resultierenden Arroganz überdrüssig, was sie dazu veranlasste, bei einer Versammlung des Stadtrads zu beschließen, die Jungfer in einen Turm einzumauern, der einzig zwei Öffnungen hatte; eine bodennahe von der Höhe eines Melkeimers und eine direkt unter der Spitze des Turms, der immerhin der nebenstehenden Eiche an Größe in nichts nachstand.
Sich hinter feuchtem Gemäuer in Dunkelheit wiederfindend fühlte sich das Mädchen gekränkt und unrechtmäßigerweise verurteilt, weshalb sie beschloss, zunächst schmollend gegen die kühle Mauer gelehnt zu verharren, bis sich die Dorfbewohner eines besseren besinnen und sie, immerhin von wunderschöner Gestalt und doch schon über vierzehn, wieder aus diesem dreckigen Verlies entlassen würden.
Doch niemand kam, auch nicht, als die Nacht einsetzte und die Eingesperrte begann sich zu fragen, weshalb man sie für den Drang danach bestrafte, ihr einzig nennenswertes Talent, nämlich ihren Stolz auf ihre ansehnliche Gestalt und den samtigen Schritt, mit voller Inbrunst auszuleben.
Ihr Blick fiel auf das Loch am Boden und sie wusste, dass sie ohne Mühe hindurch passen würde, wenn sie sich flach auf den nassen Grund legen und anschließend hindurchziehen würde.
Sie verharrte stundenlang den Blick auf ihre scheinbare Erlösung aus der feuchten Dunkelheit des Turms gerichtet, doch auch, als der nächste Morgen gekommen war, rührte sie sich nicht. Auch nicht, als außerhalb des Turms schon wieder die Nacht ihr dunkles Gewand über Wälder und Dörfer legte, bewegte sich das Mädchen nicht. Erst ein unerwarteter Lichtschimmer über ihr, lies sie aus ihrer Starre erwachen und nach oben blicken, direkt auf die deckennahe Öffnung, die ebenfalls genau so groß war, dass sie hindurchpassen konnte.
Wer bin ich denn noch, wenn ich mein Haupt einmal so viel tiefer senke, als das eines jeden anderen im Dorf? Ich wäre meines Stolzes beraubt und auch wenn mein Leib sich heben würde, würde meine Seele doch nimmermehr den schlammigen Grund verlassen.
Wer bin ich noch, wenn ich des einzigen beraubt werde, das mich auszeichnet?
Noch während sie ihren Gedanken zuende führte, drehte sie sich um und griff mit ihren kleinen Händen nach den feuchten Steinen des Gemäuers. Immer und immer wieder versuchte sie, die Mauern des Turms zu erklimmen, doch egal, wie hoch sie es bei einem glücklichen Versuch einmal schaffte, umso tiefer nur fiel sie danach, als sie den Halt verlor.
Und als die Dorfbewohner einen Mond später kopfschüttelnd den Turm öffneten, fanden sie ihre Leiche mit dem Dach empor gestreckten Armen an die Wand des Mauerwerks gelehnt.

Sie ist gestorben, um sich nicht aufgeben zu müssen und bei lebendigem Leibe zu verrotten.

0 Kommentare:

Kommentar veröffentlichen

 

kostenloser Counter
Poker Blog

Blog Top Liste - by TopBlogs.de Blogverzeichnis - Blog Verzeichnis bloggerei.de Bloggeramt.de