Mittwoch, 26. Januar 2011

Küchenbodenphilosophie, die Zweite.

Abends.
Ich wasche mir die Maske vom Gesicht, die die anderen Menschen einen Tag lang glauben machen konnte, ich sei einer von ihnen, ein Mitglied der Gesellschaft, ihrer Gesellschaft. Aber ich bin nur ein Spion, ein Eindringling aus einer dunklen und verdrehten kaputten Welt. Auf dem Sprung, immer auf der Flucht und auf der Hut, schleiche ich mich durch eure Welt, die auf mich so verlockend wirkt, wie all die ungefundenen Schätze auf dem Boden des Ozeans und weiß nichts mit mir anzufangen. Keinesfalls darf ich auffallen, obgleich nichts unmöglicher erscheint, als trotz meiner doch so offensichtlichen Andersartigkeit unendtdeckt zu bleiben. Und doch bin ich schon so lange unter euch unterwegs, ich, das Monster, bin mit der Zeit ein Meister der Tarnung geworden.
Ein Lachen, oft laut, oft so unpassend und doch gerade deshalb so unglaublich uninteressant und unbedeutsam für euch, denn eigentlich wird man für euch immer unsichtbarer, desto weniger man in eurer Bild zu passen scheint. In meiner Welt fragt man sich, wieso man nicht so unsichtbar sein darf, wie man sich fühlt und man wundert sich, warum in eurer Welt nie jemand Zeit für einen anderen Menschen hat. Meine Gedanken, so voll von euch, von euren Problemen, euren Wünschen, den Melodien eures Herzens und allen Worten, die ihr so beiläufig durch den Raum tanzen lasst. Aber bin auch ich ein Gast in euren Gedanken? Beschäftigt euch, wieso das seltsame Mädchen ist, wie es ist?
In der Welt der Beschädigten und Kaputten ist ein Wort alles und ein Blick noch soviel mehr. Hier riecht man Gedanken und schmeckt Wahrscheinlichkeiten. Die Sinne scheinen anders zu funktionieren, als bei euch, wo Worte so häufig nichts bedeuten und dann solch wichtige Posten wie Freundschaft, Liebe und Treue bekleiden möchten.
Eindringlinge, die wir sind, bewundern wir euch, nicht in der Lage, eure Sprache zu erlernen oder eindeutig zu verstehen und stehen wartend und beobachtend unter euch, fasziniert von euren Gefühlen und eurem Denken.
Bei uns herrscht Königin Zweifel und Fräulein Angst bittet per Television um Aufmerksamkeit. Jederzeit hören wir mehr, als es zu hören gibt und fühlen schneller, als es angebracht wäre. Ein Schmetterling ist für uns so oft schon der Sturm und wir werfen uns, ihn erblickend, die Hände über den Kopf gerissen auf den Boden. Unmöglich alleine der Gedanke, abzuwarten, wie der Flug des Schmetterlings verlaufen wird, ob er vielleicht viel mehr Freude denn Sturm und Zerstörung bringen wird, denn wir sind im Sturm aufgewachsen, haben den Schmetterling fürchten gelernt.
Und so sind wir in eurer Welt so überfordert, weil nicht nur Schmetterlinge hinter jeder Ecke zu lauern scheinen, auch Kolibris und Falken und anderes, wunderschönes, Sturm mit sich bringendes, Getier findet sich überall.
Jeder Schritt wird zur Mutprobe, jeder Weg zum Steilpass und ihr, trotz all unserer Bewunderung und all unseres Neids für euch, bleibt Wesen, die einen Sturm mit sich bringen könnten.
Meine Aufgabe ist es nun, meine Maske perfekt genug aufzutragen und meine Rolle perfekt genug zu spielen, um euch körperlich nahe sein zu können, den gefährlichen Sturm aber zu umgehen, indem ich mich nicht von eurer Schönheit blenden lasse.
Nun.
Meine Segel sind zerschlissen, mein Haar ist wirr und mein Rumpf ist morsch - zu oft erkannte ich nicht den Kurs, den ich fuhr, war euch verfallen, wie die Seefahrer einst Lorelei - aber ich trage auf, Schicht um Schicht, ein neues, immer neues und hoffentlich unverwundbareres Ich. Doch all der Lack, die schöne Fassade, ändert nichts daran, dass ein weiterer Sturm das Wrack, das ich, treibend in eurer Welt, bin, vielleicht bersten lässt. Deshalb fahre ich heute so vorsichtig und ängstlich wie nie, krieche, schleiche und schleppe mich durch euer seltsames, bewundernswertes Ballett, hoffend, keinem von euch Schmetterlingen mehr zu verfallen.

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