Es bedurfte Ihrer Zerstörung nicht mehr, als Männer und Essen. Männer, die ihr immer und immer wieder erneut die Motivation gaben, sich zu Grunde zu richten und Essen, um dies schlussendlich zu tun. Des einen Übermaß führte stets zu des anderen Reduktion und perverserweise fügte sie sich diesem Spiel, denn, obschon niemand die Regeln besser kannte, als sie selbst, zog sie stets und ständig die Nieten, ging nie über Los, kassierte also auch nie 4000 Mark und landete allerhöchstens wegen den, durch die gewählten Zerstörungsmethoden entstehenden Kosten im Gefängnis der Geldlosigkeit.
Schöne Scheiße.
Ihre Mutter pflegte über das süße Deo zu lästern, dass sie mit Vorliebe verwendete, scherzte, deshalb werde sie überdurchschnittlich häufig von Wespen gestochen. Sie allerdings war sich sicher, dass diese Biester nur instinktiv wussten, das bei ihr jeder Stachel zum Zug kommt.
Der Gin in Ellies Glas wurde langsam warm, während sie, den Laptop auf dem Schoß und auf dem Balkon die sterbenden Lichter des Kuhdorfs, in dem sie lebte, betrachtend, über das Wunder der Selbstzerstörung sinnierte. Mit den Zähnen fischte sie die Olive aus dem Alkohol und schickte sie im Ganzen auf die einsame Reise durch den Verdauungstrakt des Körpers, der da unter ihrem Kopf begann. In einen Gin gehört keine Olive; die untersteht einzig und alleine dem Martini! Das wusste sie, allerdings fühlte sie sich beim Gedanken, unpassendes und grausiges zu erschaffen, wohl, denn so wie die Olive nicht in den Gin, gehörte dieser Körper nicht zu ihr. Beides mögliche Unmöglichkeiten. Depersonalisierung, denn alles, was sich außerhalb ihrer weitläufigen Gedanken in der Welt des Greifbaren befand und von anderen als sie identifiziert wurde, wusste sie nicht auch nur im geringsten mit sich selbst in Einklang zu bringen. Sie war Interimsherrscherin über dieses seltsame Land, dass ihr feindlich gesonnen war und sich mit Haaren, Unförmigkeit und Fettzellen gegen die Vernachlässigung wehrte, die sie ihm zuteil werden lies. Oh, wie sie all das hasste. Jede Restriktion wurde mit Demonstration und Bürgerkrieg beantwortet, weil das niedere Volk die unglaublich komplexen und tiefgreifenden Beweggründe einfach nicht nachvollziehen konnte. Unverstandene Königin, die sie war, stand sie also über allem, verordnete Hunger und Bevölkerungsverminderung und diese Idioten fühlten sich natürlich mal wieder im Unrecht und sahen einfach nicht, dass sie im Sinne des Volkes handeln wollte - doch jeder Fortschritt wurde untergraben. Wenn Frau Merkel, beschuldigt und angeklagt, über den Bildschirm des alten Röhrenfernsehers huschte und entschuldigend schuldig dreinblickte, nickte Ellie oft verständnisvoll, denn sie wusste, wir undankbar dieser Job war, über ein Land zu regieren, dass immer nur böses wittert, alle Anweisungen und Steuererhöhungen verweigerte.
Der Cursor blinkte arbeitswillig vor sich hin, doch sie wartete seit Stunden vergebens, dass sich einer der Kontakte aus ihrer Facebook Chatliste dazu erbahrmte, sie aus ihrer Melancholie zu reißen, und so fixierte sie nur abwechselnd den Kadaver ihrer Stadt und den Puls des Cursors. Tatsächlich geschah so einiges, sicherlich schon fünf Fenster waren aufgeploppt und starrten sie anklagend an, doch waren es einfach nicht die richtigen Leute für diesen Tag, diesen Moment. Mit Sicherheit wohlwollendere, aufrichtige und tatsächlich an Ellie interessierte, aber eben nicht genau diese eine spezifische Person, von dessen Aktion sie im Wahnwitz ihre Erlösung abhängig macht.
Seufzen. Achtloses Zuklappen des Laptops mit anschließendem Fallen über dessen Ladenkabel beim Versuch, mit Ginglas, Laptop und mehreren über den Tag angelesenen Büchern gleichzeitig auf dem Arm in die Wohnung zu laufen.
Ob es nun am Alkohol lag, an der Plötzlichkeit des Sturzes oder an dem geringen Zugehörigkeitsgefühl ihrers Geists zu ihrem Körper, sie spürte vom Aufprall nicht sonderlich viel. Aber das zerberstende Glas schallte schmerzvoll in ihren Ohren und beim langsamen Aufrichten realisierte sie, dass nun nicht nur der Gin, sondern auch gut die Hälfte des Glases in ihrem Körper verteilt war. Beschissenes Kabel. Ein Wutanfall durchzuckte sie und mit flammenden Beschimpfungen degradierte sie das Laptopkabel zum Erzfeind. Stellvertretend für Paul bekam nun die schwarze Kunststoffschlange allen angestauten Hass des heutigen Tages ab und während sie Scherbe für Scherbe aus ihrem Fleisch puhlte, verdammte sie sich selbst dafür, dass er ihr wortlos soviel Schmerz zufügen konnte. Eigentlich war es egal, ob er sie nun anschrieb oder nicht, er verletzte sie mit beidem, doch noch schlimmer, als sie mit einem flüchtigen Hallo für den Rest des Tages vom Facebooktab abhängig zu machen, war, online zu sein, und sich gar nicht bei ihr zu melden. Ihr Laptop hatte den Sturz gottseidank heil überlebt, war er ja auch weich auf ihrem Bauch gelandet und sogleich sorgsam inspiziert worden, bevor man wenigstens erleichtert die Technik als Siegerin dieses Intermezzos küren konnte. Der Blutgeruch machte sie ganz düselig und während sie monologisierte und weiterhin das Altglas aus ihren Armen entfernte, riss eine winzige Bewegung auf dem Monitor sie aus ihrem Wutanfall. Sie sah es nur ganz verschwommen aus den Augenwinkeln und es dauerte auch nur einige Sekunden, doch auf kaum etwas war ihr Körper so unglaublich präzise konditioniert, wie auf das erspähen von einem blinkenden Facebookchatfenster.
Ohne Rücksicht auf Verluste stürzte sie mit, vor feinsten Glasfragmenten funkelnden und vor Blut tropfenden Händen auf die Tastatur und rutschte wegen der Flüssigkeit und der Hektik zunächst etwas unbeholfen auf dem Touchpad herum, bis sie endlich den Cursor am rechten Fleck hatte, um mit einem beruhigenden Ausatmen und einem bestimmenden Klick lesen zu können, was das blaue verheißungsvolle Blinken zu verbergen wusste, wie eine rote Samtdecke edelste Juwelen vor deren bewunderter Enthüllung.
Während sie seine Worte las, wusste sie, weshalb er sie angeschrieben hat. Wusste sie, was er damit bewirken will. Wusste sie, wie sie ihre eigene Antwort und die darauffolgenden Konsequenzen verletzen werden. Wusste sie, wie sehr sie es genießen wird, sich durch seine Begierde und ihre aufrichtigen Wünsche nach Nähe und Liebe zerstören wird.
Und Ellie wusste auch, dass Paul sich keinerlei Gedanken um Ursache und Wirkung seiner Worte gemacht hatte, als er eintippte "Heute Abend Zeit?"
Mittwoch, 4. Januar 2012
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